Erfolg für Präventionsstudie EDDY-young

Oktober 2017 | Easy Reading

Adi­po­sitas ist eines der großen Gesund­heits­pro­bleme der Zeit, Prä­vention heißt das Gebot der Stunde. Ein Modell liefert die stan­dar­di­sierte und eva­lu­ierte Prä­ven­ti­ons­studie EDDY-​young. Zwi­schen­er­geb­nisse belegen die Wirk­samkeit von Ernährungs- und Bewe­gungs­in­ter­ven­tionen in Bezug auf Ernäh­rungs­wissen und ‑ver­halten, Body-​Mass-​Index sowie kör­per­liche Leistungsfähigkeit. 

Die Zahl über­ge­wich­tiger und adi­pöser Kinder ist alar­mierend hoch und wird in Europa auf ins­gesamt 12 bis 16 Mil­lionen geschätzt. Bis zu 25 Prozent und mehr der öster­rei­chi­schen Kinder sind aktuell über­ge­wichtig, davon sechs Prozent adipös und rund zwei Prozent extrem adipös. Bei Erhe­bungen im Rahmen der EDDY-​Studie an meh­reren Wiener Schulen waren neben den 25 Prozent über­ge­wich­tigen Kindern sogar neun Prozent adipös und knapp drei Prozent als extrem adipös zu bezeichnen. 

Von Seiten der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sation WHO wird Adi­po­sitas als eine der größten glo­balen Her­aus­for­de­rungen für das Gesund­heits­system erachtet. Denn die indi­vi­du­ellen und gesamt­ge­sell­schaft­lichen Kon­se­quenzen der Adipositas-​Epidemie sind dra­ma­tisch und das bereits im Kin­des­alter. Knor­pel­schäden, Kno­chen­ver­än­de­rungen, Asthma, All­ergien und Kreis­lauf­erkran­kungen treten bei fett­lei­bigen Kindern häu­figer auf als bei nor­mal­ge­wich­tigen. Als Kon­se­quenz von schlechter Ernährung, Über­ge­wicht und Bewe­gungs­mangel droht bereits bei Jugend­lichen Dia­betes Typ 2. „Über­ge­wichtige Jugend­liche ent­wi­ckeln rascher Dia­betes als Erwachsene“, weiß der Koor­di­nator der EDDY-​Studie, em. Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm. Die psy­chi­schen Belas­tungen für die betrof­fenen Kinder und Jugend­lichen würden häufig unter­schätzt, so der Leiter des Öster­rei­chi­schen Aka­de­mi­schen Instituts für Ernäh­rungs­me­dizin weiter: „Über­ge­wichtige und adipöse Kinder werden häufig an den Rand gedrängt, nehmen am Schul­sport nicht teil und ent­wi­ckeln zu einem erheb­lichen Teil psy­chische Pro­bleme wie Depressionen.“ 

Sehr viele der betrof­fenen Kinder sind auch als Erwachsene über­ge­wichtig, womit sich die gesund­heit­lichen Pro­bleme fort­setzen und ver­tiefen. Abge­sehen von indi­vi­du­eller Krank­heitslast und Ein­bußen an Lebens­qua­lität ent­stehen daraus auch enorme Kosten für das Gesund­heits­wesen. Maß­nahmen, die in der Kindheit ansetzen, erbringen über die Zeit gesehen daher ver­gleichs­weise starke kumu­lative Effekte bezie­hungs­weise Resultate. 

EDDY-​young-​Studie

Das Öster­rei­chische Aka­de­mische Institut für Ernäh­rungs­me­dizin (ÖAIE) führt mit Unter­stützung des öster­rei­chi­schen Lebens­mit­tel­händlers Hofer im Rahmen seiner Nach­hal­tig­keits­in­itiative „Projekt 2020“ an einer Wiener Schule die Prä­ven­ti­ons­studie EDDY (Effect of sports and diet trai­nings to prevent obesity and secondary diseases and to influence young children’s life­style) durch, um wis­sen­schaftlich fun­dierte Grund­lagen für ein natio­nales Prä­ven­ti­ons­pro­gramm zu schaffen. 

Ins­gesamt nahmen 160 Schüler an EDDY-​young teil, davon 88 in der Kontroll- und 72 in der Inter­ven­ti­ons­gruppe. Der Anteil an Über­ge­wich­tigen ins­gesamt in beiden Gruppen lag zu Beginn des Pro­jekts bei 38(!) Prozent. Als über­ge­wichtig waren 16,3 Prozent zu bezeichnen, als adipös 13,3 und als extrem adipös 6,4 Prozent. 

Das Pro­gramm von EDDY-​young: Acht- bis zehn-​jährige Schüler bekommen über einen Zeitraum von bisher zwei Semestern eine 22-​stündige Ernährungs- und Bewe­gungs­in­ter­vention pro Schul­halbjahr im Rahmen des regu­lären Schul­un­ter­richts. Davon ent­fallen acht Stunden auf das Thema Ernährung, das in prak­ti­schen Expe­ri­menten und eigens für das Projekt kon­zi­pierten Übungen mit stan­dar­di­sierten Unter­richts­ma­te­rialien behandelt wird, und 16 Stunden auf Bewe­gungs­ein­heiten. Ergänzt wird das Pro­gramm durch eine eigens ent­wi­ckelte Smartphone-​App, mit deren Hilfe die Schüler das erlernte Wissen spie­le­risch ver­tiefen können. Dabei müssen soge­nannte Callys täglich mit einer Auswahl gesunder und unge­sunder Lebens­mittel gefüttert werden. Dadurch können die Aus­wir­kungen von Lebens­mitteln beob­achtet werden. Bei unge­sundem Essen wird ein Cally nämlich dicker und ener­gielos. Die App enthält auch Quiz­fragen zu den im Unter­richt erar­bei­teten Inhalten. Wie sich im Lauf des Pro­jekts gezeigt hat, wird die App von den Kindern sehr gut ange­nommen und häufig aufgerufen. 

Vor dem Pro­jekt­start wurden bei allen Kindern fol­gende Para­meter erhoben:

  • Anthro­po­me­trische Mes­sungen (Größe, Gewicht)
  • Bio Impedanz Analyse (BIA) (Kör­per­fett­anteil, Mus­kel­masse, Körperwasseranteil)
  • Sport­mo­to­rische Unter­su­chung mittels des Deut­schen Motorik-​Tests 6–18 (Kraft, Aus­dauer, Koor­di­nation, Schnel­ligkeit, Beweglichkeit)
  • Fra­ge­bögen über: Nah­rungs­mit­tel­ver­zehr­häu­figkeit Ess­ver­halten, Ess­si­tuation (Wo? Mit wem?), Sozio­de­mo­grafie, Ernäh­rungs­wissen, Kör­per­liche Aktivität

Ermutigende Zwischenergebnisse

Derzeit liegen Zwi­schen­er­geb­nisse von Mes­sungen nach 6 und 12 Monaten vor. Diese sind in jeder Hin­sicht ermutigend. 

Ernährungswissen und ‑verhalten

Schon nach sechs Monaten zeigte sich sowohl beim Ernäh­rungs­wissen also auch beim Ernäh­rungs­ver­halten eine positive Ent­wicklung. Während vor dem Start des Pro­jekts 72,9 Prozent der Kinder in einem Fra­ge­bogen die rich­tigen Ant­worten gaben, waren es nach sechs Monaten 76,9 Prozent. Begrü­ßens­werte Ver­än­de­rungen zeigten sich auch im Ernäh­rungs­ver­halten: Die Kinder griffen weniger häufig zu Lebens­mitteln wie Weißbrot und Fastfood sowie sal­zigen Snacks (Abb. 1). 

Körperzusammensetzung

Während der Body-​Mass-​Index in der Kon­troll­gruppe nach 12 Monaten einen nicht zu über­se­henden Trend nach oben aufwies, konnte er in der Inter­ven­ti­ons­gruppe deutlich gesenkt werden (Abb. 2). Schon die Tat­sache, dass der Auf­wärts­trend gestoppt wurde, ist als ein zen­trales Ergebnis zu sehen, betont Stu­di­en­leiter Widhalm. Gleich­zeitig kam es bei den Teil­nehmern der Inter­ven­ti­ons­gruppe zu einem signi­fi­kanten Anstieg der Mus­kel­masse (Abb. 3). In der Kon­troll­gruppe blieb die Kör­per­zu­sam­men­setzung in Hin­blick auf die Mus­kel­masse prak­tisch unverändert. 

Eine Beson­derheit bei dieser Unter­su­chung ist die Tat­sache, dass die Kon­troll­gruppe zur Baseline bessere Werte bei Body-​Mass-​Index und moto­ri­schen Fähig­keiten auf­ge­wiesen hat. Dieser Zufall tut der Relevanz der Ergeb­nisse und der Sicht­barkeit der Erfolge der Inter­ven­tionen jedoch keinen Abbruch. 

Körperliche Leistungsfähigkeit

Die kör­per­liche Leis­tungs­fä­higkeit wurde mittels des Deut­schen Motorik-​Tests über­prüft. Dieser beinhaltet einen 20-​Meter-​Sprint und einen 6‑Meter-​Lauf, einen Stand­weit­sprung, Balan­cieren, Hin- und Her­springen, Rumpf­beugen und Lie­ge­stütze. Schon nach sechs Monaten hatten sich die moto­ri­schen Fähig­keiten in der Inter­ven­ti­ons­gruppe deutlich erkennbar ver­bessert (Abb. 4). In der Kon­troll­gruppe waren keine Ver­än­de­rungen festzustellen. 

Zur rechten Zeit 

Der Zeit­punkt spielt für Inter­ven­tionen wie die im Rahmen der EDDY-​young-​Studie gesetzten eine große Rolle. In der Volks­schule sind die Chancen auf nach­haltige Ände­rungen des Ver­haltens noch wesentlich größer als in höheren Schul­stufen. „Bei über­ge­wich­tigen Jugend­lichen sind Ver­än­de­rungen des Ver­haltens und des ganzen Lebens­stils wesentlich schwie­riger zu ver­ankern“, betont Widhalm. 

Außerdem hat sich in anderen Unter­su­chungen gezeigt, dass die kör­per­liche Akti­vität bei Jugend­lichen im Ver­gleich zu Kindern dra­ma­tisch abnimmt. Während noch 26 Prozent der 11-​Jährigen jeden Tag moderate bis starke sport­liche Betä­ti­gungen aus­führen, sind es bei den 15-​Jährigen nur mehr 11,5 Prozent. 

Weiters können der­artige Inter­ven­tionen nur als Teamwork erfolg­reich durch­ge­führt werden. Die Inter­ven­tionen müssten auf jeden Fall durch geschulte Kräfte und gemeinsam mit den Lehr­per­sonen durch­ge­führt werden. Durch die Ein­be­ziehung von Eltern, Lehrern und anderen Bezugs­per­sonen kann die Wirk­samkeit wesentlich ver­größert werden. Und: mit ein­ma­ligen Aktionen ist es nicht getan. Wie inter­na­tionale Erfah­rungen zeigen, müssen der­artige Bemü­hungen in einen kon­ti­nu­ier­lichen, jah­re­langen Prozess ein­ge­gliedert werden. 

 

 

Kom­mentar

Die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sation WHO hat das Thema Prä­vention ernäh­rungs­ab­hän­giger Erkran­kungen zu einem Top-​Thema für die Mit­glieds­länder erklärt. Sie fordert konkret, „nach­weisbar wirksame Maß­nahmen“ zu imple­men­tieren und deren Effekt zu über­prüfen. Dies ist der „cri­tical point“ vieler Pro­jekte. So gibt es in Öster­reich eine Fülle von „gesund­heits­för­denden“ Pro­jekten der ver­schie­densten Orga­ni­sa­tionen. Von keinem ein­zigen ist aber bekannt, wie die jewei­ligen Maß­nahmen wirken. Der Fonds Gesundes Öster­reich zum Bei­spiel finan­ziert eine Reihe von Pro­jekten mit dem ehr­gei­zigen Ziel, die Gesundheit zu fördern. Es gibt jedoch keine einzige wis­sen­schaftlich abge­si­cherte Studie, die unter Beweis stellt, dass die ein­zelnen Maß­nahmen irgend­einen posi­tiven Effekt ent­falten. Es könnte durchaus auch negative Effekte geben, doch das wird nicht the­ma­ti­siert. Darüber hinaus ist zu kri­ti­sieren, dass – bei­spiels­weise im Bereich Übergewicht/​Adipositas bei Kindern und Jugend­lichen – Effekte im epi­de­mio­lo­gi­schen Sinn nur dann nach­ge­wiesen werden können, wenn valide Daten über die Prä­valenz vor­liegen. Diese Daten werden zwar von den Schul­ärz­tinnen meist jährlich erhoben, aber nicht aus­ge­wertet. Das heißt in con­creto: wir müssen in Öster­reich erst lernen, qua­li­täts­ge­steuerte und eva­lu­ierte Pro­jekte und Maß­nahmen durch­zu­führen, um damit die Aus­wir­kungen der ein­ge­setzten Maß­nahmen zu erfor­schen und zu bewerten.

Es liegt jetzt an der Politik, vor allem an den rele­vanten Minis­terien (Bildung, Gesundheit und Sport), die aus der Studie gewon­nenen Erkennt­nisse in die breite Praxis über­zu­leiten und wirksame Prä­ven­ti­ons­pro­gramme in öster­rei­chi­schen Schulen zu eta­blieren. Die WHO hat dies zur Aufgabe gemacht. Jetzt muss Schluss sein mit Alibi-​Aktionen, die nichts bewirken, aber auch Geld verbrennen. 

In diesem Konnex ist natürlich zu erwähnen, dass dies nicht nur Aufgabe der Gesund­heits­po­litik sein kann, sondern dass sich vor allem auch die Uni­ver­si­täten dieses Themas annehmen sollten. Sie sind es, die wis­sen­schaft­liche Grund­lagen für Public-​Health-​Maßnahmen schaffen müssen. Da stehen wir jedoch noch sehr am Anfang.

em. Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm

 

 

ÖAIE; Red.